Freitag, 26. August 2016

Der Weg durch den Nebel


Im Archiv meines Laptops bin ich auf einen freien Text von Juni 2014 gestossen. Er gefällt mir sehr und ist für mich in der momentanen Situation, wo ich unmittelbar vor dem Beginn eines Theologiestudiums stehe, umso interessanter. Vielleicht auch ein Mutmacher für jemand anderen.



"Das richtige Leben braucht so viel Mut.

Ich stehe an einer Kreuzung, mit verschiedenen Wegen, die von mir wegführen. Alle in die Zukunft, aber alle woanders hin. Und alle verlaufen im Nebel. Es ist ein faszinierender Nebel, mit Klängen, die mich locken, mit Ästen, Steinen, goldenen Kuppeln, die hin und wieder scharf zu sehen sind. Meine Schuhe haben nasse Ränder. In meinem Rucksack sind Laub, Haselnüsse, Federn. Papier und Tinte. 

Es ist weniger ein Ruf, als eher ein Gezogen-werden: Ich würde gerne predigen und schreiben. Wenn ich es mir laut überlege, schüttle ich unwillkürlich den Kopf und frage mich, woher ich den Schneid nehmen würde, dies umzusetzen. Gleichzeitig ist da eine Lust in mir, die mich freudig kitzelt und die ich nicht ersticken will. Ich erkläre es mir mit dem Wunsch, mich mit theologischen Fragen zu beschäftigen, mir eine Meinung zu bilden und diese mitteilen und diskutieren zu können. Gemischt mit der genussvollen Herausforderung, vor Leuten zu reden. 

Nun die drei Fragen: Wann, wie und wo kriege ich das nötige Rüstzeug her? Ich halte aktiv die Augen offen, schaue mir Curricula an und Ausrichtungen der verschiedenen Schulen. Gleichzeitig weiss ich, dass ich von meinem Beruf nicht einfach weg kann. Und nicht weg muss. Ich bin mir sicher, hier noch für eine ganze Weile am richtigen Ort zu sein. Deswegen warte ich ab, welche Tür sich öffnen wird. Und bereite meine Seele vor.
Ich lebe im Hier und Jetzt so, dass ich nichts bereuen muss. Halte die Ohren meines Herzens offen, damit ich es nicht verpasse, wenn der entscheidende Anstoss kommt. Überlege um die Ecke, wie Studium und Beruf irgendwie vereinbar wären. Und versuche auszuloten, zu welcher Aufgabe genau es mich zieht und was für Qualifikationen ich dafür brauchen werde.

„Have you ever thought of being a pastor?“ – die Frage eines Missionars-Freundes blieb hängen. Pastorin – Hirtin. Jemand, der sich um andere Menschen kümmert, sie ernst nimmt, für sie sorgt und vorangeht. Als ich von einem halben Jahr in Laos nach Hause kam, zog ich wie ein Magnet Freundinnen und Freunde an, die im Glauben Sorgen haben. Ich bin eine gute Zuhörerin, kann aber auch Ratschläge geben aus meiner eigenen Erfahrung und aus dem, was ich von Gott zu hören meine. Auch wenn ich theologisch im Vergleich mit anderen eine Anfängerin bin. Ich nehme mich als gesegnet wahr. Gleichzeitig will ich demütig bleiben, nicht meinen, es besser zu wissen. Aber momentan tauche ich auf aus dem Meer meiner evangelikaler Prägung und atme Luft und Sonnenstrahlen, die meine Perspektiven umkehren. Plötzlich eröffnen sich Antworten, in einer bestechenden Einfachheit. Nur durch das Infragestellen einiger evangelikaler Vorstellungen und durch kontextuelles Lesen der Bücher der Bibel. 
 
Ein Beispiel: Viele evangelikale Christen halten daran fest, die Schöpfungsgeschichte wörtlich zu nehmen. Es scheint in Freikirchen sogar eine Mehrheit zu sein, denn gegen aussen ist dies die Lehrmeinung. Natürlich lässt auch die Wissenschaft Fragen offen und schüttet mit der Leugnung eines kreativen Gottes das Kind mit dem Bade aus. Aber gleichzeitig widerstrebt es mir zutiefst, einem Schöpfungsmythos 1:1 zu glauben, der erst über Jahrhunderte mündlich überliefert wurde, von Menschen, die sich die Physik der Welt mit den Mitteln der Narration erklärten. Jahrelang sagte ich, niemand könne genau wissen, wie die Welt entstanden ist. Aber es spiele für mein Leben, für meine Gottesbeziehung ja auch keine Rolle. Heute bin ich weniger vorsichtig, sondern weiss zumindest, was ich nicht glaube und warum nicht.

Oft passiert es mir, dass ich mir Gedanken mache, die in eine bestimmte Richtung gehen. Mir Dinge zu erklären und Fragen zu beantworten suche. Und dass ich dann von jemand Gebildetem, Reifem genau in dieser Zeit etwas höre, was meine Gedankengänge in kompakter, nachvollziehbarer Form auf den Punkt bringt. Zum Beispiel die Sache mit Gottes Plan. 

Als meine Mutter vorletztes Jahr schwer erkrankte, stellte ich mir nur kurz die Frage nach dem Warum. Ich war längst zu der Überzeugung gelangt, dass schlimme Dinge einfach passieren (zufällig, könnte man zugespitzt sagen), und zwar Christen wie Nichtchristen. Der Glaube schützt nicht vor Krankheit, vor dem Verlassenwerden, davor, Opfer von Fehlern anderer zu werden. (Ich bin aber überzeugt davon, dass Gott aufgrund von Gebeten manchmal Wunder tut, Krankheiten heilt und entgleiste Tatsachen zu einem guten Ende bringen kann.) Diese Auffassung von Schicksalsschlägen widerspricht aber der Theorie, dass Gott für das Leben seiner geliebten Kinder einen perfekten Plan hat. Dass nichts geschieht, was nicht von ihm als Chance oder Lektion bewusst in unseren Lebensteppich gewoben wurde. 

Schlimme Dinge passieren. Wir können sie – an Gottes Hand durchs Leben gehend – im besten Fall als Chance oder 'Lehrblätz' gebrauchen. Bei einem richtig harten Schicksalsschlag ist dies aber von einem Menschen zu viel verlangt. Dann hilft uns nur die Gewissheit, dass Gott mit uns leidet. Er weint mit uns darüber, dass die Welt zur Zeit negativen Mächten ausgeliefert ist, die sich zum Ziel gesetzt haben, Chaos, Hass und Zerstörung in das Leben jedes Einzelnen zu bringen. 

Dieses Gerüst zimmerte ich mir aus meinen eigenen Erfahrungen zusammen. Dann sah ich ein kurzes YouTube-Video von Greg Boyd, in dem er das Konzept des „Open Theism“ erklärt. Ein Leben mit Gott als Feld voller Möglichkeiten, anstatt als Leben möglichst nahe an einem perfekten Plan entlang. Mit Boyds Aussagen nahm in den Strukturen meines Gedankengerüsts eine zusammenhängende Theorie Form an.

Fragen wie jene, warum sich trotz Gottes Liebe und Schutz unvermeidbar dunkle Fäden in unseren Lebensteppich weben, sind elementar. Umso mehr drängt es mich, Dinge, die ich als Erkenntnisse erfahre, als logische Erklärungen, anderen mitzuteilen. Und da ich mich nicht auf das dünne Eis des Behauptens begeben will, muss ich mir theologisches Hintergrundwissen aneignen. Ich bin gespannt darauf, wohin dieser Weg mich führen wird." 

Mittwoch, 20. Juli 2016

Predigen ohne Penis

Nun habe ich sie zum ersten Mal am eigenen Leib erfahren: die christliche Diskriminierung gegen Frauen. 

Subtil eingewoben in ein Feedback auf eine Übungspredigt. - Man müsse bei meinem Textentwurf korrekterweise von einer Bibelarbeit sprechen, nicht von einer Predigt, da höchst umstritten sei, ob Frauen gemäss der Bibel überhaupt predigen dürfen.

Ich war überrascht, wie stark es mich getroffen hat. Wie schmerzhaft dieser feine Stich war. Ich war nicht darauf vorbereitet. Sondern war davon ausgegangen, dass mich dieser Theologe genau gleich behandeln würde wie alle übrigen Theologiestudierenden. 

Nun befasse ich mich seit Jahren mit dieser Problematik. Vielleicht ist es also gut, es selber einmal erlebt zu haben. Ich möchte schreiben, "Opfer geworden zu sein", und eigentlich fühlt es sich auch so an. Ich fühlte mich hilflos, denn ich hatte keine Chance, mich zu verteidigen: Der Theologe hat Jahrzehnte von Bibel- und Literaturstudium hinter sich, hat offenbar zum Thema Frauenpastorat auch schon Arbeiten veröffentlicht und kann mich in Grund und Boden argumentieren. 

Ich hätte noch so eine gute Predigt schreiben können, ich würde nie gut genug sein, um sie in seinen Augen auch so nennen zu dürfen. Nur, weil ich keinen Penis habe. Was ja, ähm, für mich auch sehr gut ist so. Merken diese Menschen nicht, wie absurd ihre Argumentation ist?

Montag, 13. Juni 2016

"What would you do if you weren't afraid?"

Und natürlich dann immer die Frage: "Wie wirst du dir das Studium denn finanzieren?" Well - ja, gute Frage. So viel verdient man als Journalistin ja auch nicht, als dass ich mir jetzt ein lockeres Studentenleben machen könnte. Mit meinem Ersparten komme ich wohl zwei, drei Semester über die Runden. Um ehrlich zu sein, die Geldfrage bringt mich schon manchmal um den Schlaf.

Dann dreht es in meinem Kopf, ich sehe vor meinem inneren Auge die Zahl auf dem monatlichen Kontoauszug drastisch kleiner werden und frage mich, ob es wirklich eine gute Entscheidung war, meinen Job zu kündigen. Die Sicherheit aufzugeben. Warum kann es nicht simpel sein, ich völlig glücklich und erfüllt mit meiner Arbeit und keinerlei Ansprüche, mich mehr weiterzubilden als alle zwei Jahre ein Journalistenkürsli am MAZ. Warum reicht mir dieses theologische Basics-CAS nicht, das ich jetzt noch zu Ende führe? Warum muss es unbedingt mehr sein? Dann bin ich so halb wütend, ja, irgendwie auf Gott, weil er mich so gestrickt hat. Ich fühle mich ausgeliefert, denn es wäre einiges einfacher, wenn da nicht dieses Brennen wäre. Die Lust, mehr zu lernen und mehr zu wissen. Und gleichzeitig bin ich genau deswegen auch zutiefst überzeugt, dass es die richtige Entscheidung ist.

Eine Strategie für diese Momente: Kurz bevor ich meine Kündigung eingereicht habe, habe ich ein kleines, leeres Buch zum "Mutbuch" gemacht. Dort schreibe ich all die starken, positiven Gedanken hinein, ermutigende Gespräche, Tweets, Zitate. Ein Bibelvers, eine Begegnung, ein Gedicht. Dinge, an denen ich mich festhalten will, wenn die Sorgen Überhand nehmen oder das Konto ins Minus kippt.

Das Zitat stammt aus dem Buch
"Lean in" von Sheryl Sandberg.

"What would you do if you weren't afraid?"

"18.4.: Angemeldet an der Uni. Die Entscheidung steht fest."

"6 Jahre Studium - aber noch 30 Jahre Arbeitsleben." Und bei dieser Seite hoffe ich beim Durchblättern ganz, ganz leise, dass mich dann nicht fünf Jahre nach dem Master wieder so eine verrückte Idee packt und mich um den Schlaf bringt.

Sonntag, 5. Juni 2016

Jetzt oder nie

Eigentlich ist es völlig unvernünftig. Anfang Dreissig schmiedet man für gewöhnlich andere Pläne, als nochmals ein volles Studium in Angriff zu nehmen. Aber vielleicht ist gerade deshalb der richtige Zeitpunkt: Jetzt oder nie. 

In einem sehr hellen Moment in einer ziemlich dunklen Bar sagte ich bereits vor drei Jahren zu einer Freundin, dass ich irgendwann noch Theologie studieren werde. Und in der Zwischenzeit hat sich herauskristallisiert: Ich kann nicht anders. Das Teilzeit-Nachdiplom-Basis-AT-NT-Fernstudium, das ich vor einem Jahr angefangen habe, hat die Lust auf Wissen, Thesen und Debatten nicht gestillt. Sondern es hat mir vollends den Ärmel reingenommen. Bei Interviews mit TheologInnen wurde aus "Spannend, was die alles wissen" langsam, aber sicher: "Wow, da will ich mitreden können!". Und wenn ich mir vorstellte, am Montag, 19. September ganz normal meiner Arbeit nachzugehen, während an den Universitäten das Semester beginnen würde - ohne mich! -, stellte sich etwas in mir auf die Hinterbeine. Ich will nicht irgendwann zurückblicken und feststellen müssen, dass ich es nicht wenigstens versucht habe.

Also kratze ich meinen gesamten Mut (und mein Erspartes...) zusammen. Ab Herbst werde ich Hebräisch und Griechisch lernen und Vorlesungen mit Titeln wie "Grundkurs Dogmatik" und "Antikes Christentum I" besuchen. Ich werde herausfinden, ob die Theologische Fakultät der Uni Zürich auch modernere Hilfsmittel als Hellraumprojektoren führt, und versuchen, noch ein bisschen mehr nützliches über "Evernote" herauszufinden. 

Ich habe mir vorgenommen, hier wieder etwas regelmässiger zu bloggen. Feel free to comment (auch auf Twitter!). Tipps von gestandenen Studierenden und Inputs von angefressenen TheologInnen sind herzlich willkommen. 

Donnerstag, 17. März 2016

...und Pastorinnen

"Let Bad Religion Die", oder wie Gungor Kunst voller Theologie machen #offtopic

Ich habe vor, wieder mehr off-topic zu bloggen. Nicht direkt über Frauen in der Kirche, sondern mehr über Leben und Glauben aus meiner Perspektive. Kurz, lose, random, nicht wirklich redigiert. #wasmitTheologie.

Zu christlicher Musik könnte man wunderbare Bullshit-Bingos machen. Oder so Songbücher wie die horizontal dreigeteilten Kinderbücher, wo Kopf, Rumpf und Beine verschiedener Tiere zusammen ein Fantasiewesen ergeben. "Holy", "Halleluja", drei Akkorde drunter, ein ätherisches Klangbett und voilà, fertig ist der 08/15-Worshipsong. Gotteslob in Ehren, aber Seele ist da ganz selten drin.

Und dann gibt es diese eine christliche Band, die ihren Songs Titel gibt wie "Magic" oder "Let Bad Religion Die": Gungor. Ihre Werke haben Sprengkraft, sind pure Theologie, in Kunst gepackt. Der Song "Beautiful Things" ist mittlerweile auch hier bekannt, er ist aber harmlos, verglichen mit anderen ihrer Titel. Ein Song von Gungor beginnt mit der Zeile "God is not a man", und der Chorus eines anderen lautet "If it's us or them, it's us for them". In "Light" verarbeiten sie ganz ehrlich die Erfahrung, ein Kind mit Down-Syndrom bekommen zu haben.


Gungor sind furchtlos. Sie machen mit ihrem Künstlerkollektiv "The Liturgists" ehrliche, tiefgründige, mutige Kunst. Theologiekunst, angewandte Theologie, welche mich tief berührt, zum Nachdenken bringt und mich spirituell prägt. 

Zum Beispiel ihre modernen Liturgien, wie "Garden" für Karfreitag/Ostern: Spoken Word von den Theologen Rachel Held Evans und Rob Bell, eine zwanzigminütige, angeleitete Meditation ("Centering Prayer") vom exzentrischen Theologen/Wissenschaftsfreak "Science Mike" McHague. Songs von Gungor mit Texten wie "Oh my God, where are you?". Vor solchen Fragen haben sie keine Angst. "The Liturgists" machen Podcasts zu Themen wie "Pro-life, pro choice", "Sin" oder "Safe Church". (Und ja, auch zu "Genesis and Evolution" oder "LGBTQ".) Manchmal - oft! - werden Fragen gestellt, diskutiert, aber nicht abschliessend beantwortet. Es entsteht Raum fürs Denken, fürs Fühlen, für den Heiligen Geist.

Auch an ihren Events, bei denen ich wünschte, ich könnte dabeisein... "Lost & Found": "An interactive storytelling experience about the tension between science and religion, and why so many people leave faith behind." Oder "Belong": "Belong is a safe place to have honest discussions about doubts, hopes, fears, and faith. A place where no question is off limits, but you can find a burgeoning community of people who will welcome you with all your strangeness."

Ich bin mir völlig bewusst, wie schwärmerisch das alles klingt. Aber Gungor geben mir so viel Hoffnung! Sie schaffen Heimat für Menschen, die von der herkömmlichen Institution Kirche enttäuscht sind. Die mehr wollen, echtes wollen, nicht Rezeptglauben mit Manipulationsfaktor. Selber denken, aber auch selber fühlen. Zweifeln und fragen, aber auch wachsen und finden. "Seek and you shall find!"

Gungor haben soeben ihr neues Album "One Wild Life: Spirit" veröffentlicht, der zweite Teil einer Album-Trilogie. Es ist eine geballte Ladung Inspiration mit grossartiger Musik. Und hier kann man reinhören: In der neusten Folge ihres "The Liturgists"-Podcasts sprechen sie über das Album und die einzelnen Songs werden ansgespielt.

Sidenote: Gungor laufen auch im Programm von Radio Life Channel. Wir sind nämlich dort auch keine Fans von 08/15-Worship und Rezeptglauben.

Donnerstag, 11. Februar 2016

Liebe Willow Creek, so geht das nicht.

Seit gestern läuft #LK16, der Leitungskongress des Kirchennetzwerks Willow Creek. Knapp 10'000 Leitungspersonen aus Frei- und Landeskirchen holen sich Inspiration, wie sie ihre Gemeinden beleben können. Natürlich hatte ich die Referentenliste mit dem "Quoten-Fokus" durchgescrollt, kaum war sie draussen. Sieben Männer, drei Frauen stehen auf der Bühne der TUI-Arena Hannover. Kein berauschender Frauenanteil, aber immerhin nicht null Rednerinnen.

Da der Hashtag #LK16 gestern auf meiner Twitter-Timeline ziemlich präsent war, drängte es sich auf, auch aus der Ferne eine Frage einzuwerfen: 
Im Programm hatte ich nichts dazu gefunden, obwohl für mich die Frauenfrage an einem solch grossen, schillernden Kongress eigentlich ein zwingender Programmpunkt gewesen wäre. (Bei solchen Sätzen tippe ich mir jeweils an den Kopf und wundere mich, dass ich 2016 noch sowas schreibe.)

Eine Antwort von Willow Creek liess nicht lange auf sich warten: 
Ich überflog kurz die "Team"-Section auf ihrer Website. Eigentlich war ich ja am Arbeiten. Deswegen bemerkte ich zwar, dass die Chefs alles Männer sind und die Frauen vor allem Sekretärinnen, aber dachte, immerhin hat es welche. Lassen wir mal gut sein. Mein Vorschlag, das Geschlechter-Ungleichgewicht beim nächsten Kongress zu thematisieren, brachte von Willow Creek ein "Danke, super Idee".

Alles okay. Bis ein anderer Twitter-User mich darauf aufmerksam machte, dass ich bezüglich Team-Zusammensetzung am falschen Ort geschaut hatte.



Liebe Willow Creek. So geht das nicht. Es mag ja einfach dumm gelaufen sein, dass die erste Frau am Kongress erst am frühen Abend auf der Bühne stand. Ungeschickt, dass das englische, geschlechtsneutrale Wort "Leader" in der Regel mit der männlichen Form "Leiter", statt mit dem neutralen "Leitende", übersetzt wird. Hier ausgerechnet in einem Zitat von Christine Caine: Sie hat das Netzwerk "Propel Women" gegründet für Frauen in leitenden Positionen.

 #LK16 @ChristineCaine pic.twitter.com/nMHYYHnUGr

Kann passieren. Aber ihr könnt nicht Kongresse darüber veranstalten, wie man zeitgemäss christliche Gemeinschaft (be)lebt, und im obersten Gremium eures Netzwerks einen Frauenanteil von praktisch Null haben. Schliesslich heisst es in eurem Vision Statement: "Jede Gemeinde soll ihr von Gott gegebenes Potenzial zur vollen Entfaltung bringen." Und nicht bloss 50 Prozent - oder 17, wie im Vorstand von Willow Creek DE!

(Ja, ich weiss, dass ihr bestimmt gerne mehr Frauen in eurem Vorstand hättet. Dass ihr sicher einige gefragt habt und die meisten abgesagt haben. Aber von nichts kommt nichts. Wenn man Frauen nicht an der Basis fördert, gibt es auch keine, die man für Leitungs- und Vorstandsfunktionen anfragen kann. Wer, wenn nicht ihr, könnte da in den evangelikalen Kirchen Grundlagenarbeit leisten? Lasst mich noch kurz aus eurem Mission Statement zitieren: "Durch Kongresse, Netzwerk, Ressourcen und Training unterstützt und fördert Willow Creek Deutschland/Schweiz haupt- und ehrenamtlich leitende Mitarbeiter (...)." Sofern das "Mitarbeiter" nicht tatsächlich wörtlich gemeint ist, sondern auch Frauen einschliesst, läuft bei euch etwas gewaltig schief.)


Update (13.2.): Hier die Stellungnahme von Anke Wiedekind, Vorstandsmitglied von Willow Creek DE. 

Liebe Evelyne,

danke für Dein Engagement für mehr Frauen in Lehr- und Leitungsfunktionen in der Kirche. Mir liegt das auch sehr am Herzen – als Frau, als Pfarrerin, als Willow-Vorstandsmitglied (und ich habe darüber auch in einer Promotion wissenschaftlich gearbeitet). Ich habe in der Kirche schon viel erlebt diesbezüglich, kann aber sagen, dass ich Willow Creek als einen Trendsetter im Positiven erlebe. Wir fördern auf den Kongressen gezielt potenzielle Führungskräfte, sowohl weibliche als auch männliche. So leisten wir einen Beitrag dafür, dass unter den Leitenden von morgen mehr Frauen sind als heute. Bezogen auf alle Mitarbeitende beim Leitungskongress 2016 sind 43,91 Prozent Frauen. Der Vorstand ist sehr engagiert in der Frage, mehr Frauen in den Vorstand zu bekommen, genauso mehr Rednerinnen auf die Bühne. Dies ist ein konstantes Thema in den Sitzungen. Dass es nicht immer gelingt, liegt an vielen Faktoren. Zum Beispiel ist es gar nicht so leicht, Rednerinnen zu finden, die meisten sind komplett ausgebucht - ein weiterer Beweis für die Berechtigung Deiner Kritik, keine Frage.

Willow Creek Deutschland ist ein Netzwerk und setzt als solches Akzente für einen höheren Frauenanteil. Unser Ziel ist es, junge Leiterinnen und Leiter gleichermaßen zu fördern, um langfristig ausgeglichene Verhältnisse auf allen Ebenen zu schaffen. Natürlich freuen wir uns, wenn wir in einen Austausch kommen können, wie wir weitere Akzente setzen können.

Deine Kritik richtete sich auch auf die Verwendung von teilweise maskulinen Begriffen, mit denen wir natürlich auch Frauen meinten. Da können wir nur sagen: „Danke“. Das ist noch nicht gelungen. Das werden wir beim nächsten Mal besser machen.

Viele Grüße

Anke Wiedekind