Donnerstag, 31. Juli 2014

"Lean In" (1)


Momentan höre ich mir als Audiobook "Lean In. Women, Work and the Will to Lead" von Sheryl Sandberg an. Darin fordert die Facebook-Managerin Frauen auf, in der Geschäftswelt für gleiche Rechte wie ihre Kollegen zu kämpfen. Sie erzählt aus ihrer eigenen Karriere und gibt Tipps für Frauen, die beruflich Erfolg haben wollen. 
Meine These ist, dass die Situation für Frauen in freikirchlichen Leitungsgremien ähnlich schwierig ist wie in den obersten Etagen der Konzerne. 
Fakt ist: Frauen sind massiv in der Unterzahl. Die Gründe dafür sind verschieden. Einerseits streben Frauen – genau wie in der Geschäftswelt – weniger häufig Leitungspositionen an. Sie werden aber auch viel weniger in eine entsprechende Richtung gefördert. Teilweise liegt das Problem auch bei Vorstandsgremien und Kirchgemeinden, die Frauen bei der Besetzung von leitenden Funktionen nicht berücksichtigen. Weil es relativ wenig berufstätige Frauen im freikirchlichen Berufsumfeld gibt, fehlen auch Netzwerke, um sich gegenseitig zu unterstützen. (Existierende Netzwerke siehe Links)
In den ersten Kapiteln von "Lean In" schreibt Sheryl Sandberg über den "Leadership ambition gap": Männer suchen aktiv Leitungspositionen, Frauen warten darauf, dass sie ihnen angeboten werden. 

Wenn ein Job als "verantwortungsvoll" und "herausfordernd" beschrieben wird, bewerben sich Frauen weniger: Wir zweifeln viel eher an unseren Fähigkeiten. Wir bewerben uns nur für eine Stelle, wenn wir alle Punkte des Anforderungsprofils erfüllen, während Männer sich auch bewerben, wenn ihnen theoretisch einige Voraussetzungen fehlen (siehe aktuelle Studie hier und etwas ältere Umfrage hier). Und wenn Frauen einen Karriereschritt tun, beschleicht viele unweigerlich das Gefühl, dass jemand merken könnte, dass es eine Schuhgrösse zu gross ist für sie. ("Feeling like a fraud", schreibt Sheryl Sandberg, "Sich als Betrügerin fühlen".) Männer gehen sorgloser an eine neue Stelle heran, weil sie wissen, dass sie darin hereinwachsen werden.

Sheryl Sandberg erzählt, wie sie in den verschiedenen Stellen, die sie bisher innehatte, immer dazugelernt hat, auch wenn sie die Anforderungen objektiv gesehen bei Stellenantritt noch nicht erfüllte. Die Jobs hatte sie trotzdem bekommen, weil sie bei ihrer Bewerbung mit anderen Fähigkeiten überzeugte. Und vor allem mit der Haltung: "Das kann (und will) ich lernen" - offenbar die Haltung, die Männer viel selbstverständlicher innehaben als Frauen. 

Ein Schlüsselsatz aus "Lean In": Möglichkeiten werden einem selten angeboten - man muss sie ergreifen. Ich denke, ganz allgemein stimmt dies für vieles im Leben. Man kommt nirgendwo hin, wenn man vorsichtig in einer Warteposition verharrt. 

Andererseits glaube ich auch, dass Gott einem manchmal Türen öffnet. Ich habe dies ganz oft erlebt. Zum Beispiel bei meiner jetzigen Stelle: Über ein christliches Netzwerk flog mein Kurz-CV meinem Chef genau zu dem Zeitpunkt in die Inbox, als er eine Redaktionsstelle ausschreiben wollte. Er rief mich an und ich mailte ihm meine Bewerbungsunterlagen, bevor ich am nächsten Tag für knapp zwei Monate nach Südostasien flog. Später sprachen wir noch einmal über Skype, beide Seiten hatten den Eindruck, dass es passte, und als ich wieder zurück in der Schweiz war, besuchte ich zum ersten Mal mein zukünftiges Büro und unterschrieb den Arbeitsvertrag. 

Ein Jahr später schaue ich zurück mit der Gewissheit, dass ich genau an dem Ort bin, an den ich im Moment hingehöre. Die Arbeit macht mir Spass, und ich bin darin hineingewachsen. Ich arbeite als Radiojournalistin, obwohl ich die unterschiedlichen Arbeitsweisen im Vergleich zum Print-Journalismus erst lernen musste. Das Themenfeld "Kirche und Gesellschaft" ist ein ganz anderes als was ich studiert hatte, "Kunst und Kultur". Auch von der ganzen Technik hatte ich natürlich keine Ahnung - aber ich wusste, dass ich eine gute Auffassungsgabe habe und traute mir zu, all das Neue zu lernen.  

Gott öffnet Türen - durchgehen muss man aber selber! Und ich glaube, wir Frauen dürfen uns da oft mehr zutrauen.

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