Donnerstag, 18. September 2014

Es gibt genug fähige Frauen


Die Forderung steht wieder einmal im Raum: Diese Woche schlug Justizministerin Simonetta Sommaruga vor, dass börsenkotierte Unternehmen eine Frauenquote von 30 Prozent in ihren Verwaltungsräten haben sollten. 

Headhunterin Doris Aebi im Interview mit dem "Tages-Anzeiger": "Ich persönlich kann grundsätzlich mit oder ohne Frauenquote für Verwaltungsräte leben. Viel entscheidender für mich ist, dass die Rolle der Frauen im Verwaltungsrat ernst genommen wird."  

Bild: www.tagesschau.de

Während oft damit argumentiert wird, dass bei der Personalrekrutierung Kompetenz vor Geschlecht gehen muss und abschätzig von "Quotenfrauen" gesprochen wird, bin ich grundsätzlich für Frauenquoten. Offenbar geht zwar einiges vorwärts, wie dieser Beitrag im "10vor10" illustriert. Aber eine vorgeschriebene Frauenquote würde noch mehr Firmen dazu bringen, die Suche nach geeigneten Personen auszuweiten und die Stellenvergabe transparenter machen. Und noch nebenbei: 30 Prozent sind nicht viel. Im Gegenteil. Es ist eine Schande, dass der Frauenanteil heute bei den betreffenden Unternehmen nur bei 12 Prozent liegt.

Vor einem Jahr stellte meine Kollegin bei Radio Life Channel die Frage nach einer Frauenquote in der Kirchenleitung. (Der Kurzbeitrag kann online nachgehört werden.) Erst befragte sie den Schweizerischen katholischen Frauenbund. In der katholischen Kirche sind Frauen zwar in der Basis gut vertreten, jedoch aus dogmatischen Gründen vom Priesteramt ausgeschlossen. Die Präsidentin des Pfarrvereins der Zürcher Reformierten, Gina Schibler, meinte, dass es bei den Pfarrerinnen keine Quote mehr brauche. Sondern eher bei Ämtern wie Kirchenrat und Kirchenpflege. Ihr Kollege, der Zürcher Kirchenratspräsident Michel Müller, widersprach ihr, weil eine Frauenquote die Personalsuche für diese Ämter noch schwieriger gestalten würde. Das Verhältnis werde sich im Laufe der Zeit auch ohne Quote ausbalancieren, meint er. 

In Kirchen und Freikirchen eine Frauenquote durchsetzen zu wollen, wäre ein chancenloses Unterfangen. Pastorinnen, Pastoren werden von den Kirchenmitgliedern selbst gewählt. Wenn also eine Gemeinde keine Frau als Leitungsperson will, wird es auch keine geben. 

Wo aber meines Erachtens Frauenquoten Sinn machen würden, sind Ausbildungsstätten (siehe Universität Bern und auch der Streit an der Uni Basel). Kirchenpflege, Ältestenrat, Vorstand - in diesen Gremien gibt es heute schon Frauen, doch auch da wäre eine Frauenquote keine dumme Idee. Solche Positionen sind für Frauen theologisch sogar aus der komplementären Sichtweise vertretbar, da sie in diesen Ämtern weder eine Lehrfunktion, noch, genau genommen, eine Leitungsfunktion über dem Mann einnehmen. 

Wo Frauen in solchen Gremien vertreten sind, gewöhnen sich Männer wie auch die anderen Frauen innerhalb der Kirchgemeinde daran, dass Frauen mitreden. Man würde bei der Auswahl von Leuten zum Beispiel für einen Vorstand selbstverständlicher auch Frauen in Betracht ziehen. Frauen müssten mit mehr Engagement gefördert werden, um sie für solche Positionen fit zu machen. Wo Frauen mitreden dürfen, können sie beweisen, dass sie genauso weise und vom Heiligen Geist geleitet Entscheidungen beeinflussen können. Und schlussendlich würde diese Einsicht hoffentlich dazu führen, dass mehr Kirchgemeinden Frauen auch als Pastorinnen zulassen würden.

Insofern wäre eine Frauenquote in kirchlichen Gremien eine kleine Trittleiter. Wir schaffen es auch ohne - aber schaden würde sie nichts. Denn was Doris Aebi im "Tages-Anzeiger"-Interview in Bezug auf die Schweizer Verwaltungsräte sagt, gilt zweifellos auch für die Kirche: Es gibt genug fähige Frauen.  

Dienstag, 9. September 2014

Die Kirche hat ein Männerproblem

"Die Kirche ist verweiblicht" - diese These höre ich immer wieder mal. Weil Spiritualität, Gesang, Bibellesen, in-sich-gehen und überhaupt an etwas glauben, das man nicht direkt sieht, Frauen leichter fällt als Männern. Und: Weil Kirche, so wie sie ist, für Männer nicht attraktiv ist.

Reflexartig denke ich bei der These der verweiblichten Kirche: "Wer hat denn das Sagen?!" Männer prägen die Kirche viel stärker als Frauen. Doch es ist verzwickter.  

David Murrow hat darüber ein Buch geschrieben: "Why Men Hate Going to Church". Das Buch selber habe ich noch nicht gelesen, aber einen längeren Artikel von Murrow auf CBN.

"When men need spiritual sustenance, they go to the wilderness, the workplace, the garage, or the corner bar. They watch their heroes in the stadium or on the racetrack. They plunge into a novel or sneak off to a movie. Church is one of the last places men look for God." David Murrow

Die Kirche hat nicht nur ein Frauenproblem, sie hat auch ein Männerproblem. Schön, dass es Events gibt wie die ICF Men's World letztes Wochenende, die Männer (wahrscheinlich, ich war ja nicht dort) auf männliche Art und Weise ansprechen. Leider fiel aber die Berichterstattung unglücklich aus: "Die Hoffnung der Kirche sind die Männer", so der Titel des Artikels auf livenet.ch. "Na, dann können wir Frauen ja die Kirche sein lassen...", der Kommentar meiner Mitarbeiterin. 

Auch wenn der Redner dies wohl wortwörtlich so gesagt hat - so simpel ist auch das sicher nicht. Im Artikel wird angetönt, was er gemeint hat: Männer haben viel mehr Einfluss darauf, ob ihre Familien zur Kirche gehen oder nicht. Wenn eine verheiratete Frau frisch damit beginnt, sich in einer Kirche zu engagieren, ist die Wahrscheinlichkeit verschwindend klein, dass ihr Mann plötzlich mitkommt. Umgekehrt ist die Wahrscheinlichkeit hingegen relativ gross. Logisch, dass Kirchen also mehr daran liegen sollte, Männer besser zu erreichen. 

Interessanterweise sagt David Murrow, dass die Frauen dort wieder eine zentrale Rolle spielen: 

"I truly believe women must play a key role if men are to return. Because women dominate in attendance, leadership, and volunteerism, they hold great sway in the local church (even if they don’t realize it)."

Und dann kommt der Haken: 

"Women must humble themselves, pray, and allow the men of the church to lead the body toward an adventure. (...) Women, will you allow yourselves to be swept into this adventure, or will you stick with the safe, predictable, tried, and true? Will you allow men to take risks, dream big, and push the envelope within your local church? God made men for adventure, achievement, and challenge, and if they can’t find those things in church, they’re going to find them somewhere else. But if you allow your church to embark on a great adventure, the men will return. Slowly but surely, they will return."

Männer, die selbstbewusst, stark, liebevoll, schräg, echt, auf ihre Art und Weise Kirche mitgestalten? Ja, gerne! Aber nicht auf Kosten der Chancengleichheit. 

Tyler Vinyard an der ICF Men's World stiess ins gleiche Horn wie Murrow: 

"Tyler Vinyard sprach von 'Godly leaders', also göttlichen Leitern, die in der Familie, in der Kirche und in der Geschäftswelt den Unterschied machen könnten. Unter einem 'Godly leader' versteht er:

  • Leiter, die von göttlichen Prinzipien und Werten geleitet werden.
  • Leiter, die zu ihrer eigenen Verletzlichkeit stehen und dadurch glaubwürdig sind.
  • Leiter, die im Vertrauen auf den Herrn ruhen können und Gott erlauben, für sie und mit ihnen zu kämpfen.
  • Leiter, die erkennen, dass das Gute in ihrem Leben von oben kommt." (Quelle: livenet.ch)
Leider ging bei der Berichterstattung der nicht unbedeutende Fact unter, dass das englische Wort "leader" für Frauen wie für Männer gilt... Hier könnte man genauso gut "Leiterinnen und Leiter" schreiben.

Meiner Meinung nach bräuchte eine lebendige, attraktive Kirche weder Frauen, die sich bescheiden zurückziehen, um den Männern und ihren Abenteuern Platz zu machen; noch Frauen, die Männer aus dem Weg ellbögeln, um sich trotzig ihren Raum zu schaffen. Gegenseitiger Respekt, gleiche Rechte, die eigene Berufung auszuleben - ungeachtet des Geschlechts. Frauen, die Männer Männer sein lassen und ihre Andersartigkeit annehmen, und Männer, welche sich durch weise Theologinnen und selbstbewusste Pastorinnen nicht bedroht fühlen. 

Ja, gerne! www.beardedgospelmen.net
 

Donnerstag, 4. September 2014

Allesamt verletzte Wesen

Hier begebe ich mich auf dünnes Eis. Mal sehen, ob ihr meine Wahrnehmung teilt oder das anders seht - lasst es mich wissen!

Lese ich Einladungen zu Frauen-Events oder lasse meinen Blick in einer christlichen Buchhandlung über die Produkte schweifen, ist das Wort Nummer 1, das mir begegnet, "Ermutigung".

"Du bist wertvoll!" - "Frauen, ihr seid schön, egal, was die Gesellschaft über eure Fältchen und Love Handles sagt." - "Du bist gut genug, so, wie du bist." - "Jesus liebt dich, auch wenn du dich von Menschen ungeliebt fühlst."

Alles wahre Aussagen! Aber zwischen den Zeilen schimmert da für mich die selbstverständliche Annahme durch, dass wir Frauen allesamt verletzte Wesen sind. Menschen, die ganz automatisch zögern, diese Aussagen für sich anzunehmen. Menschen, bei denen man davon ausgeht, dass sie aus sich heraus kein Selbstbewusstsein haben. Solche Aussagen machen uns Frauen doch trotz der guten Absicht dahinter kleiner, als wir sind - eine Art Diskriminierung mit Goldfolie drum.

Zugespitzt ausgedrückt: Mit dieser Art Veranstaltungen und dieser Literatur scheint man Frauen auf Ermutigung anzufixen. Ermutigende Worte werden zur Droge, anstatt zum erfrischenden Smoothie zwischendurch. Aber brauchen wir das wirklich? Sind wir ständig darauf angewiesen, dass wir von anderen Frauen zugesprochen bekommen, dass wir wertvoll sind? Sagt uns das Jesus nicht jeden Tag selbst? Auch wenn jede von uns ihre Baustellen hat, ihre Selbstzweifel und Ängste - auch Männer haben die. Alle Menschen. Warum werden Frauen - zumindest in meiner Wahrnehmung - so viel öfter darauf angesprochen?

Ich wünschte mir, die Ermutigungs-Welle würde abgelöst durch eine Motivations-Bewegung. Dass Frauen sich nicht nur selber akzeptieren lernen, wie sie sind; nicht nur ihre Talente gebrauchen, von denen sie wissen, dass sie sie haben; sondern Schritte weiter gehen. Dinge ausprobieren, scheitern wagen, anderen Menschen nicht nur dienen, sondern sie auch führen. Ich glaube, Erfahrungen stärken das Selbstbewusstsein ungleich mehr als alle ermutigenden Vorträge und Bücher. 

Die ICF-Ladies-Lounge trägt dieses Jahr den Titel "Bon Voyage". Im Trailer setzen Frauen die Segel auf einem Schiff und fahren in eine ungewisse Zukunft, aufs offene Meer hinaus. Ein schönes Bild, und ich bin sehr gespannt, was ich von der Konferenz mitnehmen kann.

Bild: ICF Movement