Dienstag, 9. September 2014

Die Kirche hat ein Männerproblem

"Die Kirche ist verweiblicht" - diese These höre ich immer wieder mal. Weil Spiritualität, Gesang, Bibellesen, in-sich-gehen und überhaupt an etwas glauben, das man nicht direkt sieht, Frauen leichter fällt als Männern. Und: Weil Kirche, so wie sie ist, für Männer nicht attraktiv ist.

Reflexartig denke ich bei der These der verweiblichten Kirche: "Wer hat denn das Sagen?!" Männer prägen die Kirche viel stärker als Frauen. Doch es ist verzwickter.  

David Murrow hat darüber ein Buch geschrieben: "Why Men Hate Going to Church". Das Buch selber habe ich noch nicht gelesen, aber einen längeren Artikel von Murrow auf CBN.

"When men need spiritual sustenance, they go to the wilderness, the workplace, the garage, or the corner bar. They watch their heroes in the stadium or on the racetrack. They plunge into a novel or sneak off to a movie. Church is one of the last places men look for God." David Murrow

Die Kirche hat nicht nur ein Frauenproblem, sie hat auch ein Männerproblem. Schön, dass es Events gibt wie die ICF Men's World letztes Wochenende, die Männer (wahrscheinlich, ich war ja nicht dort) auf männliche Art und Weise ansprechen. Leider fiel aber die Berichterstattung unglücklich aus: "Die Hoffnung der Kirche sind die Männer", so der Titel des Artikels auf livenet.ch. "Na, dann können wir Frauen ja die Kirche sein lassen...", der Kommentar meiner Mitarbeiterin. 

Auch wenn der Redner dies wohl wortwörtlich so gesagt hat - so simpel ist auch das sicher nicht. Im Artikel wird angetönt, was er gemeint hat: Männer haben viel mehr Einfluss darauf, ob ihre Familien zur Kirche gehen oder nicht. Wenn eine verheiratete Frau frisch damit beginnt, sich in einer Kirche zu engagieren, ist die Wahrscheinlichkeit verschwindend klein, dass ihr Mann plötzlich mitkommt. Umgekehrt ist die Wahrscheinlichkeit hingegen relativ gross. Logisch, dass Kirchen also mehr daran liegen sollte, Männer besser zu erreichen. 

Interessanterweise sagt David Murrow, dass die Frauen dort wieder eine zentrale Rolle spielen: 

"I truly believe women must play a key role if men are to return. Because women dominate in attendance, leadership, and volunteerism, they hold great sway in the local church (even if they don’t realize it)."

Und dann kommt der Haken: 

"Women must humble themselves, pray, and allow the men of the church to lead the body toward an adventure. (...) Women, will you allow yourselves to be swept into this adventure, or will you stick with the safe, predictable, tried, and true? Will you allow men to take risks, dream big, and push the envelope within your local church? God made men for adventure, achievement, and challenge, and if they can’t find those things in church, they’re going to find them somewhere else. But if you allow your church to embark on a great adventure, the men will return. Slowly but surely, they will return."

Männer, die selbstbewusst, stark, liebevoll, schräg, echt, auf ihre Art und Weise Kirche mitgestalten? Ja, gerne! Aber nicht auf Kosten der Chancengleichheit. 

Tyler Vinyard an der ICF Men's World stiess ins gleiche Horn wie Murrow: 

"Tyler Vinyard sprach von 'Godly leaders', also göttlichen Leitern, die in der Familie, in der Kirche und in der Geschäftswelt den Unterschied machen könnten. Unter einem 'Godly leader' versteht er:

  • Leiter, die von göttlichen Prinzipien und Werten geleitet werden.
  • Leiter, die zu ihrer eigenen Verletzlichkeit stehen und dadurch glaubwürdig sind.
  • Leiter, die im Vertrauen auf den Herrn ruhen können und Gott erlauben, für sie und mit ihnen zu kämpfen.
  • Leiter, die erkennen, dass das Gute in ihrem Leben von oben kommt." (Quelle: livenet.ch)
Leider ging bei der Berichterstattung der nicht unbedeutende Fact unter, dass das englische Wort "leader" für Frauen wie für Männer gilt... Hier könnte man genauso gut "Leiterinnen und Leiter" schreiben.

Meiner Meinung nach bräuchte eine lebendige, attraktive Kirche weder Frauen, die sich bescheiden zurückziehen, um den Männern und ihren Abenteuern Platz zu machen; noch Frauen, die Männer aus dem Weg ellbögeln, um sich trotzig ihren Raum zu schaffen. Gegenseitiger Respekt, gleiche Rechte, die eigene Berufung auszuleben - ungeachtet des Geschlechts. Frauen, die Männer Männer sein lassen und ihre Andersartigkeit annehmen, und Männer, welche sich durch weise Theologinnen und selbstbewusste Pastorinnen nicht bedroht fühlen. 

Ja, gerne! www.beardedgospelmen.net
 

Kommentare:

  1. Schon seit ich Kind bin, störe ich mich an diesem dem Denken, das du hier so gut beschreibst. Die grösste Wirksamkeit entsteht meiner Meinung nach dort, wo Frauen und Männer gleichberechtigt auf ein gemeinsames Ziel hinarbeiten. Nicht nur in der Kirche, sondern in allen Lebensbereichen.

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  2. Danke, Tamar. Finde ich auch: Wo sich Talente ergänzen und gegenseitig fördern, entstehen doch ohnehin immer die spannendsten Sachen!

    (Ach, schön, dass das mit den Kommentaren mittlerweile zu klappen scheint... :) )

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