Mittwoch, 22. Juli 2015

Ist Kinderkriegen eine Falle?

Ich besitze eine Unmenge von Büchern. Bei den letzten beiden Umzügen sind jeweils etwa drei Dutzend rausgeflogen, in die Bücherbrocki. Viele sind geblieben. Und neben "Grimms Märchen" aus meiner Kindheit und einigen Romanen, an denen Erinnerungen hängen, ist eines meiner liebsten Bücher "Wahnsinns Frauen".

Es sind Biografien von kreativen, hochbegabten Frauen, die von ihrem Umfeld als "wahnsinnig" eingestuft wurden. Vermutlich waren einige unter ihnen tatsächlich psychisch labil veranlagt. Andere wurden es, weil sie von ihrer Familie, ihrem Mann oder von der Gesellschaft unterdrückt wurden. Nachdem ich die vielen Biografien zum ersten Mal gelesen habe, habe ich mir eines versprochen: Ich werde mich niemals von einem Mann einsperren lassen. Weder gedanklich, emotional, noch physisch.

Das Buch hat mich sensibilisiert, auch wenn die beschrieben Frauenschicksale (in Band 1 der Reihe "Wahnsinns Frauen") in der Vergangenheit schon einiges zurück liegen.

Vielleicht hat mich das Buch aber auch etwas traumatisiert. Das seelische Leiden der beschriebenen Frauen, das bei manchen zur Geisteskrankheit führte und bei einigen sogar bis hin zur Flucht in den Suizid, hat mich berührt. Und ich fühlte mich ihnen beim Lesen verwandt: Auch wenn ich mir nicht anmasse, auch nur annähernd so kreativ oder querdenkend zu sein wie sie, gehört eine gewisse intellektuelle Seite zu mir.

Ich habe im Gegensatz von vielen der "WahnsinnsFrauen" das Privileg, dass ich mein Leben frei gestalten kann. Ich bestimme selber, wovon ich mich vereinnahmen, "einsperren" lasse, und wie ich gewissen Dingen auch entgehen kann. Nun bin ich in einem Alter, in dem sich langsam die Frage stellt: Kinder, ja oder nein?
Und mit der Kinderfrage fühlt es sich an, als schwebe ein Damoklesschwert über meinem Kopf.  

Einerseits bin ich überzeugt und höre dies auch immer wieder von Eltern, dass es die ganze Mühe wert ist, Kinder grosszuziehen. Dass sie einen Dinge lehren und das Leben auf eine Weise bereichern, die unvergleichlich ist. Andererseits lese ich praktisch jede Woche Artikel wie diesen, diesen oder diesen, in denen mir vor Augen gehalten wird, wie schwierig und stressig und eigentlich unmöglich es ist, Eltern zu sein und gleichzeitig glücklich. Ich sehe die Eltern in meinem Umfeld, die mit Terminen, Gegenständen und Wünschen jonglieren. Die keine Zeit mehr dafür haben, ein Magazin zu lesen, die Rätsel in der Sonntagsausgabe der Zeitung zu lösen, zu bloggen, Filme anzuschauen. Bei einigen sehe ich, dass es klappen kann - aber nur mit einer minutiösen Organisation und der Hilfe von engagierten Grosseltern.

Ich fürchte mich vor dem „Eingesperrtsein“.
Frage mich, ob dieser Gedanke egoistisch ist. Ich denke an die "Wahnsinns Frauen" und an die "starken Frauen in der Kirche", meine Vorbilder, von denen viele keine Kinder haben. Ich habe Angst, nicht belastbar genug zu sein für das Mutter-sein. Nicht relaxed genug, um mir Freiheiten herauszunehmen, zum Beispiel Zeit zum Lesen. Und dass ich es mir mit der Entscheidung für Kinder verunmöglichen würde, beruflich Freude und Erfüllung zu behalten.

Denn ich möchte mich mein Leben lang weiterbilden. Nicht nur praktisch, emotional, im Leben mit einer Familie. Sondern auch intellektuell; mir Wissen aneignen, eine Meinung bilden und im Beruf auch Meinungen zu debattieren. Deswegen fürchte ich mich davor, in eine Falle zu tappen. Feststellen zu müssen, dass Eltern-sein vor allem belastend ist und nicht erfüllend. Dass es mit der Rollenteilung nicht so klappt, wie man es geplant hat. Und nicht zuletzt auch, dass mein Engagement für die Freiheit und Stärke der christlichen Frauen zerbröselt und ich mich selber enttäusche.

Aber was wird am Ende zählen? Welche Kompromisse sind akzeptabel? Und wo sperre ich mich selber ein? Ich frage mich, wie andere Frauen dies tun, die ähnlich funktionieren wie ich: Die Rolle als Mutter integrieren in die Persönlichkeit, ins Leben, ohne die wichtigsten anderen Teile zu verlieren. Momentan kann ich die Entscheidung noch vor mir her schieben. Aber irgendwann wird sie konkret - und dann will ich sie mit Überzeugung treffen können. 

Der Blogpost wäre eigentlich hier zu Ende. Bevor ich ihn veröffentlicht habe, stiess ich auf dem Blog "More than pretty" auf den Text "Berufung leben mit Kindern?" (Teil 1 und Teil 2). Was für eine Erleichterung: Ich bin nicht die einzige Frau, die sich diese Sorgen macht! Und Doris Lindsay erzählt hier aus eigener Erfahrung, wie sie ihren Weg auch mit Kindern konsequent weiter gehen konnte.

Montag, 22. Juni 2015

Geschlechtergerecht am Radio

Beim Radio gilt: "In der Kürze liegt die Würze". Inhalte verständlich, ohne unnötige Schlenker, in einer alltagsnahen Sprache kommunizieren. Ich nehme das oft genauso als Herausforderung an, wie früher als Print-Journalistin das Ausformulieren präziser, schöner Sätze. 

Ich mag die Arbeit mit der Sprache, weil es Resultate gibt: Inhalte kommen nur an, wenn ich mir dabei Mühe gebe. Ich stelle mir Menschen vor beim Kochen, im Feierabendverkehr, morgens im Badezimmer, die Radio Life Channel hören. Nebenbei, und manchmal bleibt etwas hängen oder unbewusst hört man doch zu. Da gibt es Regeln wie: Redundanz - Wiederholungen sind gut. Oder: Ein Satz pro Zeile. Bei Schriftgrösse 14, wohlgemerkt, weil ich danach die News live ablesen muss.

Eine Herausforderung ist da die geschlechtergerechte Sprache. Erst kürzlich hörte ich einen Kurzbeitrag meines Kollegen gegen, wo es um die Veränderungen im Pfarrberuf ging. Es kam ausschliesslich "der Pfarrer" vor, was bei einem Pfarrerinnen-Anteil von einem Drittel in der evangelisch-reformierten Kirche schlicht falsch ist. Als wir darüber sprachen, kam wieder einmal rüber: "Pfarrer und Pfarrerinnen" klingt doof, umständlich, lang. "Aber es ist wichtig!", sagte ich, und wies auf die Bilder im Kopf hin, die das Rollenverständnis prägen. "Pfarrperson" ist auch unschön - deswegen ist meine liebste Variante, dass ich am Anfang von "Pfarrerin und Pfarrer" rede und dann abwechsle zwischen den Geschlechtern. 

*

Soeben habe ich darüber einen interessanten Blogeintrag entdeckt, der aus der Warte einer Pfarrerin geschrieben ist. Hier geht's zu Pastor Sandy.

Dienstag, 14. April 2015

Lohnt es sich, für Veränderung zu kämpfen?

"Starke Frauen in der Kirche", heisst mein Blog. Doch momentan besuche ich selber gar nicht regelmässig eine Kirche.

Dies ist wahrscheinlich auch der Grund, warum ich länger keinen Blog-Eintrag veröffentlicht habe. Ich stelle mir die Fragen: Wenn so vieles meiner Ansicht nach falsch läuft in der Welt der Kirchen, warum überhaupt kämpfen? Wenn ich nicht an die Zukunft von Kirchen glaube, wie ich sie heute kenne, warum investieren? Dabei ist die ungleiche Machtverteilung von Männern und Frauen nur ein Aspekt. Dass ich überhaupt darauf komme, von "Macht" zu sprechen anstatt von Förderung und Potenzial, zeigt einen anderen Punkt auf, der mir an der Kirche missfällt. Dann die Frage nach Finanzen, nach Strukturen, die Ressourcen verschlingen, die man direkter für gute Zwecke einsetzen könnte. Strukturen im Allgemeinen - braucht es tatsächlich so viele Angebote, wie sie die Kirchen anbieten? Sie füllen die Agenda und gehören zum Werben um neue Besucherinnen und Besucher. Und das geschieht vielleicht nur unter dem Vorwand, sie mit dem liebenden Gott bekannt zu machen. Und manchmal auch vor allem, um Mitglieder zu gewinnen, um Erfolge feiern zu können, das Ego der Gemeinde zu streicheln. 

Dies sind alles negative Beispiele, die gewiss so geschehen. Aber die mir oft auch den Blick auf die positive Seite von Kirche verdecken. Dass einsame Menschen Freunde finden, und Suchende Gott kennen lernen können. Dass Menschen durch die regelmässigen Impulse an sich und an der Gemeinschaft arbeiten. Dass sie immer wieder motiviert werden, sich für andere einzusetzen. Die sozialen, diakonischen Arbeiten der Kirchen etwa für Ausländer und alte, alleinstehende Menschen nicht zu vergessen. 

Ich bin hin- und hergerissen zwischen diesen positiven, auch biblischen Seiten der Kirchen, und den Problemen, die ich beobachtet habe. Wahrscheinlich befinde ich mich "between churches". Ich suche, wie so viele meiner Freunde, geistliche Impulse in Podcasts und "Gemeinde" in den alltäglichen Freundschaften. Doch obwohl ich überzeugt bin, dass dies kein falscher Weg ist, fehlt mir etwas.

Ich wünsche mir eine Kirche, die gesund ist. Wo die Frage sich erübrigt, ob Frauen irgend etwas auch "dürfen". Aber auch die anderen Fragen. Und ich frage mich, ob es diese Kirche überhaupt gibt. 

Im Gespräch mit Freunden kürzlich fiel der Vergleich mit einer Beziehung: Den perfekten Partner gibt es nicht. Wir sind Menschen, wir machen nicht nur Fehler, wir sind auch einfach grundsätzlich verschieden, und das macht das Zusammenleben schwierig. Trotzdem wollen wir Beziehungen. Wollen wir Gemeinschaft. Aber: Eine Beziehung baut auf einem grundsätzlichen "Ja" zueinander auf. Und wahrscheinlich braucht es das auch, um sich in einer Kirche als Mitglied einzubringen. Hat man kein grundsätzliches "Ja", stimmt zu vieles schon von Anfang an nicht, dann überwiegt schlussendlich der Krampf über den Gewinn von Gemeinschaft. 

Diese Kirche habe ich noch nicht gefunden. Bis dahin suche ich mir Impulse aus anderen Quellen. Suche Gemeinschaft mit Menschen ausserhalb der Kirche. Mit starken Frauen und weniger starken Frauen, und mit ebensolchen Männern. Genau so, wie es eigentlich auch in der Kirche sein sollte.

Freitag, 27. Februar 2015

It's all in your head

Als Pastorentochter weiss ich, wie das Leben einer Pfarrersfrau aussieht. Nur so viel: Man muss gut Nein sagen und Kritik aushalten können, oder arbeitet (notabene unbezahlt) mindestens 50% mit. 

Zumindest bei den Pfarrersfrauen in der Generation meiner Mutter wurde das auch so erwartet. Heute sieht es hoffentlich anders aus. Und nicht nur das. Heute stellt sich auch die Frage, wie es sich eigentlich umgekehrt verhält: Wenn die Frau Pastorin ist. 

Screenshot mafemmeestpasteure.ch

Die neue Webserie "Ma femme est pasteure" aus der Romandie behandelt genau diese Frage. "Ich habe mich", sagt Thomas, "in ein Mädchen verliebt, die Beyoncé sein wollte, die nebenbei im Thai-Restaurant jobbte, ans andere Ende der Welt reiste und eher sozialistische (wenn nicht kommunistische) Ideen hatte. Ich hätte nie gedacht, dass ich mal mit Gott im Bett sein würde..." 

Realsatire pur: Er möchte sie abends im Bett für sich haben, während sie sich lieber noch Notizen für ihre morgige Predigt hat. Er verteilt in der Kirche noch schnell die Sitzkissen, sie testet das Mikrofon für den Gottesdienst. Ganz selbstverständlich gehört er dazu, obwohl man ihn gar nie gefragt hat... 

Lange wurden wohl auch die vielen Pfarrersfrauen in der Schweiz nicht gefragt. Sondern man stellte den Pastor sozusagen "+1" an, ging davon aus, dass das Ehepaar die Arbeit für die Kirchgemeinde als geteilte Berufung ansah. Vielleicht ist es auch in einigen Fällen so - aber so selbstverständlich? Vor allem bis Mitte des letzten Jahrhunderts nahm die Frau Pfarrer gegen aussen auch eine moralische Vorbildfunktion ein, weil sie ständig unter Beobachtung stand. 

Witzig, dass nun eine zeitgenössische Webserie dies thematisiert und auf die Schippe nimmt. Und witzig, wie absurd es wirkt, wenn ein Mann seine Frau in ihrem Beruf praktisch unterstützt, weil wir es uns einfach andersrum eher gewohnt sind und wir Frauen uns heute gegen diese Selbstverständlichkeit wehren: "Hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau" - und umgekehrt?

Die erste Episode ist heute online, die anderen sollen ab 4. März folgen. Geplant sind 20 Folgen à 2 Minuten. Mitproduziert übrigens von der reformierten Kirche Genf und Waadt.

Et voilà! http://www.20min.ch/ro/entertainment/dossier/femmepasteure/story/Un-mari-exploite-par-une-religieuse-14280367 

Update: Mein Beitrag dazu - mit einem echten Pfarrerinnen-Mann - auf lRadio Life Channel.

Hier noch ein Interview mit den Machern Caroline und Victor Costa, bei ref.ch. 

Zum Thema passt übrigens glänzend dieser Blogeintrag: "Werkzeugkasten".

Mittwoch, 25. Februar 2015

Frauen, Business und das Glück

Mit den Gratis-Zeitschriften am Flughafen ist es so eine Sache. Es hat nie genau die, die ich mag. Die "Cosmopolitan" ist mir zu sexlastig, "Shape" habe ich nach 5 Minuten durch, die Luxusmagazine und Wirtschaftszeitschriften interessieren mich nicht besonders. Die "Tageswoche" mag ich! Und dann gibt es noch eine andere Ausnahme, die ich vor einigen Jahren entdeckt habe: Ein Magazin im Zeitungsformat, in schwarz-weiss und rosa (!): "Girl's Drive"

http://girlsdrive.ch

"Girl's Drive" ist die kleine Schwester von "Ladies Drive", einem ungewöhnlichen Frauenmagazin: Business, Frauen und Autos. Beide Zeitschriften geben Frauen bzw. Studentinnen Tipps, wie sie ihre Karriere so verfolgen können, dass sie Erfolg und Befriedigung bringt. Wie Mentoring helfen kann, wo man sich durchsetzen muss und wo nicht, wie man zu einem Praktikum im Ausland kommt und wie man sich dort verhält. Es gibt Interviews mit Unternehmerinnen und Politikerinnen darüber, was ihnen wichtig ist, wie sie ihre Karriere geplant haben, was ihre Ziele sind und was ihnen hilft, diese zu verfolgen.

Auch schon habe ich Artikel in "Girl's Drive" gelesen und mir gedacht: Dieser Zug ist für mich abgefahren. Da werden 22-Jährige porträtiert, die karrieremässig schon mehr erreicht haben als ich mit 31. Die auf der Überholspur leben, das richtige studieren, ihre Freizeit strategisch richtig einsetzen, sich in die richtigen Netzwerke einknüpfen. Manchmal deprimiert mich das, auch wenn ich eigentlich glücklich bin, dort, wo ich bin, und weiss, wo ich noch hin möchte. In der aktuellen, ganz frischen Ausgabe gibt es jedoch genau dazu einen Artikel des VWL-Professors und Glücksforschers Mathias Binswanger: Er schreibt darüber, wie man mit dem ganz natürlichen Drang, sich mit anderen zu vergleichen, umgehen kann. 

Meine These ist ja, dass die Perspektiven für Frauen in der Kirche ähnlich eingeschränkt sind und der Weg in eine Leitungsposition ähnlich schwierig wie für Frauen in der Wirtschaft. Deswegen lohnt es sich, in "Girl's Drive" und "Ladies Drive" zu stöbern, auch wenn die Werte und Lebenshaltungen manchmal anders sind als diejenigen, die Gott gibt. Jesus predigte, dass man genau so viel wert ist, wenn man in den Augen der Menschen ein Verlierer ist, wie wenn man eine Top-Karriere hinlegt. Trotzdem: Wer die Lust spürt, Ziele zu verfolgen, den Willen, die eigene Berufung zu leben, stetig dazu zu lernen und an sich zu arbeiten, könnte die beiden Frauenmagazine mögen. 

Tipp: Anstatt die online zur Verfügung stehenden Artikel auf der Website von "Girl's Drive" zu lesen, sich für die PDF-Ausgabe registrieren. Ist viel gehaltvoller.

Dienstag, 17. Februar 2015

Aktuelle Web-Artikel Februar

God Conversations for Women (neue Blog-Serie von Tania Harris
"Each month there’ll be a post to reflect on and discuss as we consider what it means to be a godly christian woman. Our heart is to uncover God’s original vision when he cast both men and women in his image and commissioned them to steward the planet together (Genesis 1:26-27). It’s an exciting journey. Won’t you join us?"


This Is How Many Words Are Spoken By Women In The Bible (Antonia Blumberg, Huffington Post, 4.2.2015)
"There are 93 women who speak in the Bible, 49 of whom are named. These women speak a total of 14,056 words collectively -- roughly 1.1 percent of the total words in the holy book." 

"'Feminismus, fuck yeah!': Volles Haus bei 'Mittendrin'" (Naomi Gregoris und Livio Marc Stöckli, Tages-Woche, 12.2.2015)
«Warum brauchen wir Feminismus?», fragte Anne Wizorek gestern Abend in den vollen Rossstall der Kaserne Basel. Um die 100 Leute waren gekommen, um sich die Meinung der deutschen Feministin und Erfinderin des Hashtags #aufschrei anzuhören.

Sonntag, 15. Februar 2015

"More Than Pretty"

Frisch, echt und lesenswert: Der neue Blog "More than Pretty". Dort schreiben Frauen, die in der christlichen Szene Leitungspositionen innehaben, ehrlich aus ihrem Leben und ihren Erfahrungen. Wie es sich anfühlt, Familie und Leiterschaft zu kombinieren. Wie es als Single-Frau ist, die eigene Berufung treu zu leben. Wie Leiterschaft als Frau aussieht - hinter der Fassade, welche Erlebnisse herausfordern und welche ermutigen. Danke und Kompliment an Doris Lindsay und ihr Team für diesen tollen, positiven neuen Blog! 

www.morethanpretty.net

Dienstag, 20. Januar 2015

Keiner da am Papitag

"Gleichberechtigung ist auch Männersache" - Mein Artikel für die Programmzeitschrift "antenne" von ERF Medien Schweiz, wo ich als Redaktorin für Radio Life Channel arbeite. Hier geht's zum Download der drei Magazin-Seiten als PDF.


(Kommentare hier bei Blogspot sind technisch manchmal unmöglich. Kontaktformular links benutzen!)
http://www.erf-medien.ch/de/Medienmagazin/2015/Februar/Gleichberechtigung-ist-auch-Maennersache




Keiner da am Papitag
Gleichberechtigung ist auch Männersache

Lohnungleichheit, die „gläserne Decke", sich entscheiden zwischen Beruf und Familie– beim Stichwort Gleichberechtigung wird meist an die Benachteiligung von Frauen gedacht. Dabei ist es auch ein Männerthema: Männer sind mitverantwortlich für Lösungen; Gleichberechtigung kommt ihnen aber auch genauso zu Gute. Ein Plädoyer dafür, Schulter an Schulter für Chancengleichheit zu kämpfen.

Kürzlich im Restaurant, einer mit dezentem Chic umgebauten Industriehalle. Ich bin nach dem Gang auf die Toilette gerade dabei, mir die Hände zu waschen, als sich die Tür öffnet und ein Mann eintritt. Mein Blick muss ziemlich erstaunt sein, wenn nicht sogar schockiert, doch er reagiert total cool: Lächelt charmant, sagt „Hallo", geht an mir vorbei und zieht dabei dem Baby, das er auf dem Arm trägt, das heruntergerutschte Söckchen hoch. Wickeltisch nur auf der Damentoilette – für ihn offenbar nicht das erste Mal.

Die wenigsten Männer machen wohl den Gang auf die Damentoilette. Viel eher gehen in einer solchen Situation halt die Frauen das Baby wickeln. Von meinen männlichen WG-Mitbewohnern, beide sind Väter von zwei Kindern, habe ich schon einige solcher Stories gehört. Dass sie als junge Väter stärker unter Beobachtung stehen, ob sie die Erwartungen auch tatsächlich erfüllen können, und dass ihnen weniger zugetraut wird. Dass es schwierig ist, für den „Papitag" andere Väter zu finden, um zusammen in den Zoo zu gehen. Weil immer noch sehr viele Männer unter der Woche gar keinen solchen „ Papitag" haben, weil ihr Job kein Teilzeitpensum zulässt. Umgekehrt stellte eine Freundin kürzlich die These in den Raum, dass freiwillige Vollzeitmütter ihren Partnern etwas wegnehmen. „Diskriminierung" – das Wort scheint hier etwas übertrieben. Trotzdem: So richtig zufriedenstellend sind solche Situationen nicht.

Frauenquote, Lohngleichheit, flexible Arbeitszeitmodelle – meistens stehen in der Diskussion um Gleichberechtigung vor allem die Bereiche im Fokus, wo Frauen benachteiligt sind. Weil es dort lange Zeit grossen Aufholbedarf gab – und auch heute noch gibt. Ich bezeichne mich zwar als Feministin, weil ich mich dafür einsetze, dass Frauen nicht mehr länger die Flügel gestutzt werden. (Und dass sie sich das, nebenbei bemerkt, nicht immer wieder selber antun.) Mit diesem Anliegen kämpfe ich aber nicht gegen Männer, sondern ich wünsche mir vor allem eine Diskussion – mit beiden Geschlechtern. Denn Gleichberechtigung ist auch Männersache.

Einen Tag im Leben ein Mann sein

Der Nobelpreisträger und frühere anglikanische Erzbischof Desmond Tutu sagte einmal, wer angesichts von Ungerechtigkeit neutral bleibe, wähle die Seite des Unterdrückers. Der Kirchenmann aus Südafrika erzählte dazu noch eine kleine Geschichte: „Wenn ein Elefant auf dem Schwanz einer Maus steht und du sagst, du seist neutral, dann wird die Maus deine Neutralität nicht schätzen.“ Für Chancengleichheit sind Männer und Frauen verantwortlich. Und meistens kommt Gleichberechtigung sogar beiden zu gute, denn sie löst festgefahrene Rollenbilder auf. Auch für die Männer.

Wie gerne würde ich mal einen Tag lang in die Haut eines Mannes schlüpfen! Es gibt so vieles, worauf ich neugierig wäre. Mal abgesehen von den naheliegendsten, sagen wir mal, Handlungen, nehmt ihr Männer die Welt bestimmt ganz anders wahr als Frauen. Ist es wirklich so, dass ihr Männer nie kalt habt? Wie ist es, eine tiefe Stimme zu haben, vibriert einem da irgendwie der Schädel beim Sprechen? Kitzelt das? Und dann das Rasieren! Ich verrate Ihnen jetzt mal ein Geheimnis: Ein Mann, der sich gerade rasiert, so richtig mit duftendem Schaum und scharfen Klingen, wirkt unglaublich attraktiv. Einmal im Leben ein Mann sein, sich ausgiebig über den Bart streichen und sich diesen dann abrasieren – was wäre das für ein Erlebnis!

Gerne wäre ich auch einmal ein Mann in der Arbeitswelt: Eine ganz andere Welt für Männer und Frauen. Als Mann, hört man immer wieder, muss man sich durchsetzen. Manchmal auch mit harten Bandagen, je höher man auf der Karriereleiter steigt. Viele Frauen wollen sich das nicht antun, rücksichtslos andere aushebeln. Auch das kann man nicht pauschalisieren – doch im Kern ist es Realität. Die Geschäftsführerin von Facebook, Sheryl Sandberg, hat zu diesem Thema das Buch geschrieben „Lean In: Women, Work, and the Will to Lead" („Frauen und der Wille zum Erfolg", deutsche Ausgabe Econ Verlag, 2013 --> Blog-Eintrag dazu). Es fasst Erlebnisse zusammen, die Sheryl Sandberg selber in ihrer Karriere gemacht hat, und sie gibt daraus Tipps, wie sich Frauen verhalten sollten, um beruflich vorwärts zu kommen. Nur ein Beispiel: Von einer Frau wird unbewusst erwartet, dass sie nett ist. Wenn eine Frau sich also durchsetzen will, sollte sie hart verhandeln, aber dabei ein Lächeln aufsetzen. Fazit des Buches „Lean in“: Eine Frau kann beruflich genauso weit kommen wie ein Mann, sie muss es aber viel mehr wollen. Ich bin noch nie an diese Grenze gestossen, begegne dieser Situation aber immer wieder im Zusammenhang mit Freikirchen: Dort ist der Weg für Frauen in leitende Positionen nicht durch Hürden erschwert, sondern wird ihnen mit Barrieren versperrt. Diese Chancenungleichheit einfach hinzunehmen – das kommt für mich nicht in Frage.

Auch männliche Rollen ändern sich

In der Gesellschaft ist die Situation ähnlich, wenn ein Elternpaar nicht die traditionelle Rollenverteilung wählt. Vollzeitväter sind immer noch weniger akzeptiert, es haftet ihnen das Stigma des beruflichen Versagers an. Auch für Männer lohnt es sich also, für Gleichberechtigung einzustehen. Lohngleichzeit zum Beispiel würde bedeuten, dass die Entscheidung, wer wie viel arbeiten geht und wer mehr für die Kinder da ist, nicht mehr von den Finanzen abhängt. Denken Firmen eher quer und lassen flexible Arbeitsmodelle zu, dann steigt die Akzeptanz von Teilzeitarbeit. Auch für Männer, welche nicht „nur Ernährer", sondern als Vater im Alltag der Kinder präsent sein möchten. Und umgekehrt: Wenn Frauen sich auch in den höheren Etagen der Geschäftswelt etablieren, heisst das, dass auch dort nicht mehr das traditionelle Rollenverhalten zählt. Dass es auf das Geschlecht irgendwann gar nicht mehr ankommt – auch nicht im Sinne einer Quote. Dass man sich weniger mit (männlich konnotierter) Rücksichtslosigkeit durchsetzen muss.

Weniger festgefahrene Rollen, das heisst, dass sich der Einzelne besser entfalten kann. Weniger Entweder-Oder, mehr Lebensqualität. Dass man sich flexibler an die Bedürfnisse der Familie und des Partners anpassen kann. Und nicht zuletzt: Es bedeutet alternative Vorbilder für die kommenden Generationen.

Frauen und Männer sind und bleiben unterschiedlich – zum Glück! Aber vieles, was heute gelebt wird, hat nichts mit dem Geschlecht und biologischer Notwendigkeit zu tun, sondern mit traditionellen Rollenbildern. Wenn diese gesprengt werden, ist das keine Abschwächung der natürlichen Eigenschaften und persönlichen Wesenszüge als Mann und Frau. Im Gegenteil: Gleichberechtigung bedeutet Freiheit, sich zu entdecken und seinen Charakter zu leben, seine Träume zu verwirklichen, sein Leben zu gestalten.

Evelyne Baumberger ist Redaktorin bei Radio Life Channel. Privat bloggt sie zum Thema „Frauen und Kirche" auf www.feminism-OMG.ch .