Donnerstag, 11. Februar 2016

Liebe Willow Creek, so geht das nicht.

Seit gestern läuft #LK16, der Leitungskongress des Kirchennetzwerks Willow Creek. Knapp 10'000 Leitungspersonen aus Frei- und Landeskirchen holen sich Inspiration, wie sie ihre Gemeinden beleben können. Natürlich hatte ich die Referentenliste mit dem "Quoten-Fokus" durchgescrollt, kaum war sie draussen. Sieben Männer, drei Frauen stehen auf der Bühne der TUI-Arena Hannover. Kein berauschender Frauenanteil, aber immerhin nicht null Rednerinnen.

Da der Hashtag #LK16 gestern auf meiner Twitter-Timeline ziemlich präsent war, drängte es sich auf, auch aus der Ferne eine Frage einzuwerfen: 
Im Programm hatte ich nichts dazu gefunden, obwohl für mich die Frauenfrage an einem solch grossen, schillernden Kongress eigentlich ein zwingender Programmpunkt gewesen wäre. (Bei solchen Sätzen tippe ich mir jeweils an den Kopf und wundere mich, dass ich 2016 noch sowas schreibe.)

Eine Antwort von Willow Creek liess nicht lange auf sich warten: 
Ich überflog kurz die "Team"-Section auf ihrer Website. Eigentlich war ich ja am Arbeiten. Deswegen bemerkte ich zwar, dass die Chefs alles Männer sind und die Frauen vor allem Sekretärinnen, aber dachte, immerhin hat es welche. Lassen wir mal gut sein. Mein Vorschlag, das Geschlechter-Ungleichgewicht beim nächsten Kongress zu thematisieren, brachte von Willow Creek ein "Danke, super Idee".

Alles okay. Bis ein anderer Twitter-User mich darauf aufmerksam machte, dass ich bezüglich Team-Zusammensetzung am falschen Ort geschaut hatte.



Liebe Willow Creek. So geht das nicht. Es mag ja einfach dumm gelaufen sein, dass die erste Frau am Kongress erst am frühen Abend auf der Bühne stand. Ungeschickt, dass das englische, geschlechtsneutrale Wort "Leader" in der Regel mit der männlichen Form "Leiter", statt mit dem neutralen "Leitende", übersetzt wird. Hier ausgerechnet in einem Zitat von Christine Caine: Sie hat das Netzwerk "Propel Women" gegründet für Frauen in leitenden Positionen.

 #LK16 @ChristineCaine pic.twitter.com/nMHYYHnUGr

Kann passieren. Aber ihr könnt nicht Kongresse darüber veranstalten, wie man zeitgemäss christliche Gemeinschaft (be)lebt, und im obersten Gremium eures Netzwerks einen Frauenanteil von praktisch Null haben. Schliesslich heisst es in eurem Vision Statement: "Jede Gemeinde soll ihr von Gott gegebenes Potenzial zur vollen Entfaltung bringen." Und nicht bloss 50 Prozent - oder 17, wie im Vorstand von Willow Creek DE!

(Ja, ich weiss, dass ihr bestimmt gerne mehr Frauen in eurem Vorstand hättet. Dass ihr sicher einige gefragt habt und die meisten abgesagt haben. Aber von nichts kommt nichts. Wenn man Frauen nicht an der Basis fördert, gibt es auch keine, die man für Leitungs- und Vorstandsfunktionen anfragen kann. Wer, wenn nicht ihr, könnte da in den evangelikalen Kirchen Grundlagenarbeit leisten? Lasst mich noch kurz aus eurem Mission Statement zitieren: "Durch Kongresse, Netzwerk, Ressourcen und Training unterstützt und fördert Willow Creek Deutschland/Schweiz haupt- und ehrenamtlich leitende Mitarbeiter (...)." Sofern das "Mitarbeiter" nicht tatsächlich wörtlich gemeint ist, sondern auch Frauen einschliesst, läuft bei euch etwas gewaltig schief.)


Update (13.2.): Hier die Stellungnahme von Anke Wiedekind, Vorstandsmitglied von Willow Creek DE. 

Liebe Evelyne,

danke für Dein Engagement für mehr Frauen in Lehr- und Leitungsfunktionen in der Kirche. Mir liegt das auch sehr am Herzen – als Frau, als Pfarrerin, als Willow-Vorstandsmitglied (und ich habe darüber auch in einer Promotion wissenschaftlich gearbeitet). Ich habe in der Kirche schon viel erlebt diesbezüglich, kann aber sagen, dass ich Willow Creek als einen Trendsetter im Positiven erlebe. Wir fördern auf den Kongressen gezielt potenzielle Führungskräfte, sowohl weibliche als auch männliche. So leisten wir einen Beitrag dafür, dass unter den Leitenden von morgen mehr Frauen sind als heute. Bezogen auf alle Mitarbeitende beim Leitungskongress 2016 sind 43,91 Prozent Frauen. Der Vorstand ist sehr engagiert in der Frage, mehr Frauen in den Vorstand zu bekommen, genauso mehr Rednerinnen auf die Bühne. Dies ist ein konstantes Thema in den Sitzungen. Dass es nicht immer gelingt, liegt an vielen Faktoren. Zum Beispiel ist es gar nicht so leicht, Rednerinnen zu finden, die meisten sind komplett ausgebucht - ein weiterer Beweis für die Berechtigung Deiner Kritik, keine Frage.

Willow Creek Deutschland ist ein Netzwerk und setzt als solches Akzente für einen höheren Frauenanteil. Unser Ziel ist es, junge Leiterinnen und Leiter gleichermaßen zu fördern, um langfristig ausgeglichene Verhältnisse auf allen Ebenen zu schaffen. Natürlich freuen wir uns, wenn wir in einen Austausch kommen können, wie wir weitere Akzente setzen können.

Deine Kritik richtete sich auch auf die Verwendung von teilweise maskulinen Begriffen, mit denen wir natürlich auch Frauen meinten. Da können wir nur sagen: „Danke“. Das ist noch nicht gelungen. Das werden wir beim nächsten Mal besser machen.

Viele Grüße

Anke Wiedekind
 

Kommentare:

  1. Mit dem Satz: "Wenn man Frauen nicht an der Basis fördert, gibt es auch keine, die man für Leitungs- und Vorstandsfunktionen anfragen kann", ist eigentlich alles, aber wirklich absolut alles gesagt! Da liegt der Hund (ähm, oder die Hündin) begraben. So einfach ist das. Und so traurig. Und so lange sich dort nix ändert, wird das Bild weiter oben auf der Leiter leider auch nicht schicker! :-)

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    1. Danke für den Kommentar! Es braucht ein Umdenken in den einzelnen Gemeinden, doch dieses kann von der Leitung angestossen werden. Mal sehen, was sich da noch tut!

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  2. Von einer neuen Generation von "Leitern" zu sprechen ist noch aus ganz anderen Gründen, nun ja, suboptimal, ich assoziiere damit sofort Steh-, Dreh- und andere Leitern ;-)

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  3. Mir als Frau ist es vollkommen wurscht, wer, wann, und wie spricht. Hauptsache, es dient dem Herrn. So eine Zeitverschwendung, sich über Quoten Gedanken zu machen....

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    1. Da bin ich eigentlich einverstanden. Das Problem ist nur, wenn berufenen Frauen der Weg verwehrt wird. Das ist momentan vielerorts die Situation.

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  4. Yep. Quote ist eine dumme Idee. Überall. Soll es doch der/die machen, der/die es am "besten" kann. Aber Fakt bleibt: Frauen (fängst schon bei begabten Mädchen an), die es könnten, werden noch immer zu selten gesehen, geschweige denn gefördert. Und darüber nachzudenken, ist keine Verschwendung. Es geht ganz tief an die Wurzel dessen, wie Gemeinde den Dienst im Reich Gottes, ja eigentlich wie sie Gott selber sieht. Und da ist mein Eindruck leider immer noch: Die Jungs sind ganz froh darüber, dass es auf dieser Welt wenigstens noch einen Ort gibt, an dem sie das Sagen haben - und zwar meist alleine. Und ja, es gibt Ausnahmen (z. B. mein toller Mann :-) -- aber es sind immer noch Ausnahmen. Ich hoffe da sehr auf die nachrückende Generation Z. Leider nicht auf die Y-er, denn die lässt sich gerade flächendeckend einen Vollbart stehen ... und die Y-Mädels dekorieren ihre Häuser. das war's. In der Masse also Alles beim Alten. :-(

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    1. ...und genau das stört mich an Frauenrechtlern. Sie behaupten, sich dafür einzusetzen, dass alle Frauen ihre Begabungen und Träume frei entfalten können, wollen aber eigentlich nur ihre eigenen Vorstellungen verwirklicht sehen. Wie sonst lässt es sich erklären, dass Frauen in Leitungspositionen von ihnen überschwänglich beklatscht, jene, die ihre Gaben zu Hause einsetzen aber mit einem abwertenden "das war's" bedacht werden? Ja, ich bin Generation Y, und stolz darauf. Denn anders als vorherige Generationen lassen wir uns nicht mehr in ein steifes entweder Hausfrau oder Businessfrau-Korsett zwingen. Wir können das eine oder das andere oder auch beides zugleich sein - und das ohne einander abzuwerten. DAS ist für mich wahre Gleichberechtigung.

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