Mittwoch, 26. Oktober 2016

Und das "Scheisse"-Emoji grinst auch noch so doof




Eines ist klar: Einfache Antworten (wenn ich denn überhaupt noch solche hatte) muss ich ganz schnell über Bord werfen. Die zählen im Theologiestudium nicht mehr und sind in Diskussionen ruckzuck aus dem Weg geräumt. Und dann steht man nackt da, wie der Kaiser, der gemeint hat, er trage neue Kleider. 

Antworten habe ich momentan nur noch wenige. Aber innerhalb des sicheren Uni-Kontexts fühlt sich das gar nicht falsch an. Stattdessen gibt es ja Thesen, es gibt Fragen, es gibt Beobachtungen und Debatten. Das reicht vorerst mal, so als Bademantel, man ist ja unter sich.

Ausserhalb der Uni wird es schwieriger. Bei meinen Grosseltern bei Schloorziflade und Blick auf den Säntis, zum Beispiel. Wenn die Oma fragt, was ich denn jetzt im Studium lerne, und gleich selber zu sprechen beginnt, statt auf meine Antwort zu warten. Es sei schwierig im Alter, wenn man nachts betet, flucht, schreit, und nichts gegen die Schmerzen hilft. Der Gott, an den man sein Leben lang geglaubt hat, sich nicht meldet. "Was dann, Evelyne?" Wie lange muss man das Leben so aushalten?

Nach dem langen WhatsApp der Freundin, deren Zukunft plötzlich völlig ungewiss ist. Ich will am liebsten gar nicht antworten, weil ich nicht weiss, was; und das "Scheisse"-Emoji grinst auch nur doof.

Oder jemand anderes, eine Freundin, über deren Leben ein so schwerer Schatten schwebt, dass ich nichts zu sagen weiss. Dass nur noch Tränen laufen. "So ist halt das Leben, jeder hat etwas zu tragen", sagt sie, und ich denke, nein, das reicht doch einfach nicht. Aber ich kann nicht mal sagen, "es kommt schon gut", denn das wäre nicht ehrlich.

Nur eine Antwort bleibt. Wie ein Tuch, das man eng um sich zieht, wenn man schlotternd aus kaltem Wasser steigt. Und eigentlich ist auch diese Antwort mehr eine Frage. 

Schüchtern, hilflos. Ist es okay, wenn ich bete. Wenn ich halt noch einmal bete um Gesundheit, um eine praktische Lösung. Im ehrlichen Eingeständnis, dass diese vielleicht nicht kommt. Und doch mit einem kleinen Funken Glauben an ein Wunder. Bitten um diese übernatürliche Kraft, die ein Licht ist im dunklen Tal, eine wärmende Flamme in der Kälte. Beten als Ausweg aus der Hilflosigkeit. Als das Einzige, was ich in einer solchen Situation zu geben habe, das Einzige, was ich zu sagen weiss; ein kleines Fenster der Hoffnung.